22Jun 2020

Naturheilkunde: Den Fokus wieder auf sich selbst lenken

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Wie Naturheilkunde und Komplementärmedizin im Alltag helfen können

Prof. Dr. Dieter Melchart ist Leiter des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) an der Technischen Hochschule Deggendorf (THD). Bereits während des Studiums hat sich der 66-Jährige mit der Naturheilkunde befasst. Er führte die Ambulanz und Tagesklinik für Naturheilkunde und Gesundheitsförderung am Klinikums rechts der Isar in München und besaß die erste Professur für Naturheilkunde und Komplementärmedizin in Bayern. Wir haben mit ihm über die Rolle von Naturheilkunde und Komplementärmedizin im Alltag und über das IGM Lebensstilprogramm SINOCUR gesprochen.

Was genau verbirgt sich hinter Naturheilkunde und Komplementärmedizin?

Ein Teil der klassischen naturheilkundlichen Verfahren nach Kneipp ist die Pflanzenheilkunde. Ein Teil der klassischen naturheilkundlichen Verfahren nach Kneipp ist die Pflanzenheilkunde. (c) www.bayern.by – Jens Schwarz

Von den Methoden her ist es ein breites Spektrum. In Deutschland werden die Naturheilverfahren primär mit den klassischen naturheilkundlichen Verfahren nach Kneipp gleichgesetzt. Dazu zählen fünf Bereiche: die Ernährungstherapie, die Bewegungstherapie, die Therapie mit Pflanzen, also die Pflanzenheilkunde, die Anwendung von Wasser oder Massagen und die Ordnungstherapie. Diese ist aus meiner Sicht die wichtigste Methode, da sie Patienten lehrt, die Naturheilkunde im Alltag selbst anzuwenden. Die Naturheilkunde ist dabei ein Teilbereich der Komplementärmedizin, die Behandlungsmethoden und diagnostische Konzepte umfasst, die sich als Ergänzung zur sog. „Schulmedizin“ – wobei ich diesen Begriff für überholt halte – verstehen.

Den Inneren Arzt konsultieren

Entscheidend ist, dass sich die Verfahren an den Inneren Arzt des Menschen wenden. Das heißt, es wird eigentlich die Kompetenz, sich selbst gesund zu halten oder diese wiederherzustellen, reaktiviert. Der Mensch ist ja per se nicht krank, sondern gesund. Und er hält sich auch von alleine gesund, da die Selbstheilungskräfte die meisten Krankheiten bekämpfen. Aber es gibt auch Zustände, wo von außen ein Arzt eingreifen muss. Es ist aber wesentlich, dass man nicht nur von außen die Heilung unterstützt, sondern verstärkt auch die inneren Heilungsmöglichkeiten und -fähigkeiten. Hier spielen ebenso die Lebenszufriedenheit und die seelische und geistige Verfassung eine große Rolle. Und das vernachlässigen wir Menschen doch sehr. Oft kümmern wir uns erst dann um uns selbst, wenn schon Krankheiten vorliegen.

Den Fokus wieder auf sich selbst richten

Haben wir Menschen vielleicht auch verlernt, auf uns selbst zu achten und auf unsere innere Stimme zu hören?

Ja, sicher. Das ist ein ganz wesentliches Defizit, dass wir unseren Fokus meist stark nach außen gerichtet haben und uns oft viel zu wenig selber wahrnehmen. Als Arzt möchte ich aber auch das andere Extrem nicht gerne haben, nämlich, dass jemand, fast schon hypochondrisch, nur sich selbst sieht. Da muss man immer ein gutes Mittelmaß finden. Aber es ist in der Tat so, dass doch die meisten Menschen unterschätzen, leider auch meine schulmedizinischen Kollegen, was der Mensch selbst für seine eigene Gesunderhaltung tun kann.

Haben Naturheilverfahren auch präventive Ansätze oder sind sie nur für Menschen mit Krankheiten gedacht?

Auch eine gesunde Ernährung hilft dabei, sich von innen heraus gesund zu halten. Auch eine gesunde Ernährung hilft dabei, sich von innen heraus gesund zu halten. (c) www.bayern.by – Gert Krautbauer

Naturheilverfahren sind vorwiegend auf die Stärkung von Schutzfaktoren der Gesundheit gerichtet. Gerade durch die Ordnungstherapie hat sich die Vorsorge in der klassischen Naturheilkunde herausgeprägt und ist eigentlich die Grundphilosophie. Es geht immer um den Inneren Arzt, der in Summe die Fähigkeiten und Fertigkeiten zur eigenen Gesunderhaltung darstellt. Das beinhaltet alle Basisfunktionen oder Basiskompetenzen, die uns von innen heraus gesund halten: Bewegung, Abwehrkraft, Wärmehaushalt, Ernährung, Schlaf, Umgang mit sich und anderen.

„Wir sind ständig im Stress und in Eile“

Auch im Krankheitsfall schauen wir in der Naturheilkunde nicht, wie die Schulmedizin, auf die Krankheit direkt, sondern darauf, welche gesunden Anteile der Kranke hat und stärken diese, damit dieser die Krankheit besser überwinden kann. Das gilt natürlich auch z. B. für Infekte oder Entzündungen aller Art.

Was meinen Sie: Inwiefern beeinflusst der Alltag die Gesundheit der Menschen?

Enorm. Unser Fokus liegt viel zu sehr auf unserer Umwelt und auf anderen Menschen und Dingen um uns herum. Wir sind ständig im Stress und in Eile. Eigentlich müssten sich die Menschen viel mehr mit sich selbst auseinander setzen. Mal zu gucken: was esse ich eigentlich täglich, wie viel bewege ich mich, wie schlafe ich oder wie verhält sich mein Wärmehaushalt: habe ich immer kalte Füße und Hände? Es ist jetzt völlig falsch, sich nur zuhause auf die Couch zu legen, wie es meist geschieht. Viel mehr sollten sie sich um ihre Gesunderhaltung, und dazu gehören auch die Emotion, Abwehr, Bewegung, der Wärmehaushalt usw. kümmern.

Ein bestimmtes Maß an Bewegung stärkt das Immunsystem. Ein bestimmtes Maß an Bewegung stärkt das Immunsystem. (c) www.gesundes-bayern.de – Gert Krautbauer

Schaut man auf den Wortstamm Emotion, dann bedeutet „emotio“ Gefühl. Es verbirgt sich aber auch der Begriff „motio“, die Bewegung, darin. Also, wer sich nur immer hinsetzt, wird sicherlich auf lange Sicht auch schlechtere Laune haben, als jemand, der sich an der frischen Luft bewegt. Deshalb müssen die Menschen auch dazu angehalten werden, sich ein bestimmtes Maß an Bewegung zu holen. Auch die Abwehrkräfte der Menschen werden sehr stark von Bewegung beeinflusst. Man weiß zum Beispiel, dass Sportler, die mit dem Sport übertreiben, auch anfälliger für Infekte werden. Im Gegensatz dazu kann aber eine moderate, auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmte Bewegung, das Immunsystem stärken. Ein gesunder Mensch sollte zwischen 10.000 und 12.000 Schritten täglich gehen. Davon sind viele Menschen leider weit entfernt.

Mit Selbsthilfetechniken die Gesundheit stärken

Gibt es einfache Anwendungen/Therapien, die die Menschen zu Hause machen können? Wenn ja, welche?

Das ist so der Bereich der Selbsthilfetechniken, soweit das eben vertretbar ist. Nimmt man zum Beispiel den Kopfschmerz: Bei vielen Menschen ist er durch den langen Aufenthalt in sauerstoffunterversorgten Räumen bedingt. Hier hilft schon regelmäßiges Lüften oder ein kaltes Armbad.

Auch der Schlafrhythmus ist ein wichtiges Instrument der Naturheilkunde. Auch der Schlafrhythmus ist ein wichtiges Instrument der Naturheilkunde. (c) Yellowj – Shutterstock.com

Beim Schlaf ist es wichtig, dass das Schlafzimmer möglichst kühl ist. Wichtig ist auch, seinen Schlafrhythmus einzuhalten. Das ist jetzt weniger eine Methode, aber ein wichtiges Instrument in der Naturheilkunde. Hier helfen auch die Kneipp`schen Anwendungen. Viele Leute profitieren stark, wenn sie zum Beispiel ihre Füße abends noch einmal wärmen durch wechselwarme Wassergüsse. Man kann auch eine Badewanne knöcheltief mit kaltem Wasser füllen und dann im Storchenschritt eine Weile darin laufen. Aber bitte mit warmen Füßen! Dann, die Füße nur mit einem Handtuch abtupfen und ins Bett gehen.

Jeder Schritt zählt

Man könnte zum Beispiel auch an seinem Bewegungsmuster arbeiten. Einfach mal mit Hilfe eines Schrittzählers oder einer Smart Watch täglich seine Schritte dokumentieren. Wenn ich weiß, dass 10.000 bis 12.000 Schritte ein gesundes Maß wären, dann kann ich viel dazu beitragen, dieses Maß im Alltag umzusetzen. Das ist alles andere als einfach. Aber es lohnt sich. Eine einfache Empfehlung: Steigern Sie ihr Ausgangsniveau jede Woche um 500 Schritte. Eine Steigerung des Ganzen wäre, 1000 Schritte in zehn Minuten zu machen oder 100 Schritte in einer Minute. Dadurch erreicht man mit ein bisschen Übung in 30 Minuten 3.000 Schritte und damit das Minimum, was man für ein gesundes Herz-Kreislauf-System täglich tun sollte. Und man baut viel von dem Stress ab, der sich im Laufe des Tages aufbaut.

Zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag gelten als ideal. Zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag gelten als ideal. (c) www.bayern.by – Thomas Linkel

Das nächste Thema ist die Ernährung. Wir sind ja heutzutage 24 Stunden mit Nahrung konfrontiert. Das ist nicht nur ein Problem während Corona jetzt, sondern auch allgemein in der Gesellschaft. Die Ernährung hat ja auch erhebliche Einflüsse auf unser Wohlbefinden und unsere Psyche. Auch hier wäre der Ansatz, sich einfach mal zu überlegen und aufzuschreiben, was ich den ganzen Tag über so esse und auch wieviel Obst und Gemüse ich konsumiere. Ideal wären täglich drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst, wobei eine Portion in etwa so groß wie die individuelle Größe der Faust sein sollte. Dafür brauche ich keinen Diätplan oder Kalorien zu zählen. Und gerade Fertigprodukte mit einem hohen Anteil an Konservierungsstoffen sind ein Problem für die Verdauung.

Das IGM Lebensstilprogramm SINOCUR

Ist das Auf-sich-selbst-Achten auch Teil des IGM Lebensstilprogramm SINOCUR in Bad Kötzting?

Ja, genau. Das Programm richtet sich an Menschen, die ihre Gesundheit in die Hand nehmen und zum Manager ihrer eigenen Gesundheit werden wollen. Aktuell ist es ein Modellvorhaben der AOK und eine Mischung aus Präsenzkursen in Bad Kötzting und Online-Unterstützung über mehrere Wochen. Deshalb ist es momentan nur für Menschen geeignet, die in oder rund um Bad Kötzting leben, soll aber weiter ausgebaut werden.

SINOCUR setzt sich zusammen aus „sino“, was auf die Traditionelle chinesische Medizin hinweist und „cur“, was auf Kur im Sinne von Kneipp zurückführt. IGM steht für ein Individuelles Gesundheits-Management. Das ist auch die Grundlage dieses Programms. Das Programm hat drei Schritte: Der erste Schritt ist das Sich-selbst-Wahrnehmen, das Selbstprüfen von Basisfunktionen und Basiskompetenzen, also aller Funktionen, die zur körperlichen und seelischen Gesunderhaltung beitragen. Darum geht es im ersten Schritt. Die Analyse erfolgt durch Online-Fragen, im Sinne einer Gesundheitsprüfung. Die Ergebnisse werden grafisch durch ein Ampelsystem dargestellt. So können Sie gleich erkennen, welche Bereiche grün, also in Ordnung, und welche rot, also gar nicht in Ordnung sind.

Die Gesundheits-Ampel

Der zweite Schritt ist, sich jetzt zu überlegen, welche gelben oder roten Punkte ich in den nächsten drei Monaten angehen möchte. Das macht man selbst, oder mit Hilfe eines Gesundheits-Coaches. Dabei sollte man sich nicht zu viel auf einmal vornehmen. Es geht aber auch darum, zu begreifen, dass man seine Gesundheit in die eigene Hand nehmen kann und muss.

Bei den wöchentlichen Treffen in Bad Kötzting werden verschiedene Themen erarbeitet. Bei den wöchentlichen Treffen in Bad Kötzting werden verschiedene Themen erarbeitet. (c) www.gesundes-bayern.de – Tobias Gerber

Im dritten Schritt, dem Praktizieren, bekommen die Teilnehmer Unterstützung beim Selbstmanagement der kommenden Wochen, also wie sie ihre Planungen konkret angehen und umsetzen können. Dabei helfen die wöchentlichen Treffen in Bad Kötzting und/oder Online-Beratungen.

Dauer und Kosten(übernahme)

Bezahlt wird das Programm aktuell von der AOK, ist also für AOK-Versicherte kostenlos. Es beginnt mit einem dreitägigen Einführungsseminar in Bad Kötzting. Danach findet über zehn Wochen einmal pro Woche ein Treffen vor Ort statt, indem verschiedene Themen wie Stressmanagement, Resilienz oder Zeitmanagement in der Gruppe erarbeitet werden. Zwischen den Präsenzterminen werden Lebensstil-Übungen wie Qi-Gongpraktiken im Alltag umgesetzt und zum Beispiel Bauchumfang, Essen oder Schlafrhythmus im Online-Portal protokolliert.

Weitere Informationen zu Naturheilverfahren:

Naturheilmittel Schwefel: Rheuma im Schwefelbad lindern

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