12Feb 2019

„Mama hat Krebs“: Den Kleinsten helfen, zu verstehen

Janina OttmaGesundes Wissen0

Zeit für sich – und Zeit füreinander: Das ist das Konzept der Kombi-Rehabilitation „Mama hat Krebs“ im Allgäuer Kurort Scheidegg. Hier schöpfen von Krebs betroffene Frauen nach kräftezehrenden Therapien neue Kraft. Und während sie Schritt für Schritt zurück ins Leben finden, sind die Menschen, die sie am meisten lieben, ganz nah an ihrer Seite: ihre Kinder. Hier lesen Sie, was hinter dem deutschlandweit einmaligen Gesundheitsangebot steckt.

Schon vom weitem strahlt die Paracelsus-Klinik in Scheidegg hell und freundlich durch die dichten Wälder der bayerischen Alpen. Hier, auf ungefähr 850 Höhenmetern, nur wenige Kilometer vom Bodensee entfernt, kommen von Krebs betroffene Mütter gemeinsam mit ihren Kindern zu neuen Kräften. Vor den Toren der Klinik begrüßt uns Dr. Holger Hass, Leiter der onkologischen Kombi-Reha „Mama hat Krebs“, mit einem festen Händedruck.

Der Chefarzt bittet uns hinein – bis zum Boden reichende Fenster füllen das Gebäude mit Licht und verleihen ihm eine gewisse Leichtigkeit. Neben komfortablen Einzelzimmern laden ein modernes Bewegungsbad, eine Sporthalle, Sauna, ein Kneipp-Becken, ein Fühlpfad im Innenhof und gemütliche Aufenthaltsräume dazu ein, neue Kraft, Energie und Lebensfreude zu tanken. An einem der zahlreichen Tische im großen, hellen Restaurant mit Alpenblick, erklärt uns der Spezialist für onkologische Rehabilitation, was das Konzept so einzigartig macht: „Kinder sind sensibel und können durch Verlustängste seelisch krank werden. Deshalb stehen bei uns die Kinder genauso im Mittelpunkt wie die Mütter“.

Diagnose: Krebs – wenn auf einmal alles anders ist

Hinter „Mama hat Krebs“ steht das Wissen, wie entscheidend die Diagnose Krebs das Leben betroffener Frauen verändert: Wo sich ihr Leben vor der Erkrankung um ihre Liebsten, die Arbeit und die ganz normalen Alltagsprobleme gedreht hat, sind auf einmal Zukunftsängste, Arztbesuche und kräftezehrende Behandlungen an der Tagesordnung.

Krebs – Symptome, Definition, Zahlen

Schmerzen, die sich durch den ganzen Körper ziehen. Blutrot gesprenkelter Auswurf. Knoten unter der Haut, die sie mit den Fingern ertasten: An diese ersten, diffusen Symptome erinnern sich viele Frauen, deren Befürchtungen sich später bewahrheiten: Es ist Krebs.

Laut Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft erkranken in Deutschland jedes Jahr mehr als 200.000 Frauen am unkontrollierten Gewebewachstum. Bei ihnen verändern sich einstmals gesunde Zellen, häufig in Brust, Darm oder Lunge, und schädigen das umliegende Gewebe. Unter bestimmten Umständen breiten sie sich unkontrolliert im ganzen Körper aus.

Mittlerweile genesen rund 50 Prozent der Betroffenen vollständig mithilfe von Operationen, Hormon- oder Chemotherapie, Anschlussbehandlungen und Rehabilitationen.

Quelle: Deutsche Krebshilfe, Deutsche Krebsgesellschaft

Auch die Monate nach der Krebstherapie – nach der Primärbehandlung, nach Operationen, Chemo- oder Hormontherapie – hinterlassen ihre Spuren: Viele Frauen leiden an chronischer Müdigkeit, sogenannter Fatigue, die sie ans Bett fesselt. Ihre Muskeln sind zu schwach, um mit einem energiegeladenen Kind zu spielen. Da die Chemotherapie stark auf die Nerven wirkt, kribbeln und brennen die Fußsohlen und Fingerspitzen schier unerträglich.
In dieser schweren Zeit leiden Freunde, Familie und besonders die Kinder mit. Dr. Hass fügt hinzu: „Wir haben sehr viele junge Mütter mit der Diagnose Krebs bei uns, die Zeit für sich brauchen – und gleichzeitig nach Hilfe suchen: Die Frauen wissen oft nicht, wie sie mit ihrem kleinen Kind über ihre Krankheit sprechen können.“

Wenn die Mutter Krebs hat: So sehr leiden die Kinder

Deshalb ist eine Krebsdiagnose auch für die Kinder ein Wendepunkt – besonders wenn die Mutter nicht mit ihnen über ihre Krankheit spricht, um sie zu schonen. Denn wenn die Mama, ihre wichtigste Bezugsperson, sie auf einmal nicht mehr ins Bett bringt, mit ihnen tobt, oder zu schwach ist, um ihnen freudig einen Kuss auf die Stirn zu drücken, fühlen sich die Kleinen oft überfordert, allein und im Stich gelassen. Auch sorgen sich viele Kinder, wenn die Mutter in Behandlung ist, und fragen sich: „Geht es Mama im Krankenhaus gut?“. Gleichzeitig lernen sie die Mutter von einer Seite kennen, die ihnen fremd ist – tief erschöpft und vom Schmerz gezeichnet.

Krebs verändert alles – doch in der onkologischen Reha „Mama hat Krebs“ lernen Kinder gemeinsam mit ihren Müttern, mit der Erkrankung umzugehen..
Krebs verändert alles – doch in der onkologischen Reha „Mama hat Krebs“ lernen Kinder gemeinsam mit ihren Müttern, mit der Erkrankung umzugehen. (c) www.bayern.by

Diese Belastungen können Kinder psychisch und körperlich krank machen, bestätigt Dr. Hass. Viele reagieren auf den Krebs ihrer Mutter und entwickeln zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten wie ADS / ADHS oder psychosomatische Erkrankungen wie

Diabetes mellitus,
Asthma oder Allergien,
• Adipositas beziehungsweise krankmachendes Übergewicht sowie
• starke Kopfschmerzen und Migräne.

„Mama hat Krebs“: kleine und große Patienten entlasten

An diesem Punkt setzen die onkologischen Rehabilitationsteams in der Paracelsus-Klinik und der nur wenige Fahrminuten entfernten Fachklinik Prinzregent Luitpold an. Hier arbeiten erfahrene Psychologen, Sport-, Ergo-, Physio- und Enterostomatherapeuten sowie Sozialarbeiter und Ernährungsberater Hand in Hand.
Sie setzen auf die starke Verbindung von Mutter und Kind und wissen, wie viel Kraft sie einander geben. Deshalb behandeln sie Mutter und Kind in gemeinsamen Therapiemodulen sowie getrennt – in zwei verschiedenen Fachkliniken und auf Basis von individuellen, auf die kleinen und großen Gäste abgestimmten Therapieplänen. Damit Mütter und Kinder wieder neue Lebensfreude und Energie spüren.
Auch nachts müssen die Kleinen nicht auf ihre Mutter verzichten: Kinder zwischen vier und zwölf Jahren wohnen gemeinsam mit ihrer Mama in der Fachklinik Prinzregent Luitpold in einem Appartement. Die Mutter besucht die onkologische Reha in der Paracelsus-Klinik Scheidegg ambulant.
Patienten, die älter als zwölf sind, wohnen alleine in der Fachklinik Prinzregent Luitpold, während die Ärzte und Therapeuten ihre Mutter stationär in der Paracelsus-Klinik behandeln. Die Therapiepläne sind aufeinander abgestimmt – damit beide möglichst viel Zeit zusammen genießen. Ein eigener Fahrdienst bringt Mama und Nachwuchs zusammen. „Beiden tut es gut, bewusst zusammen zu sein und aus ihrem gewohnten Umfeld herauszukommen“, fügt Dr. Hass hinzu.
Gute Luft – durchdachte Therapien: Informieren Sie sich über den heilklimatischen bayerischen Kurort Scheidegg in unserem Gesundheitsfinder!

Verstehen – und endlich wieder Kind sein: Fachklinik Prinzregent Luitpold

Während die Spezialisten in der Paracelsus-Klinik ihre Mütter behandeln, sind ihre Kleinen in der Fachklinik Prinzregent Luitpold endlich wieder Kind. In dem weitläufigen Gebäude, dessen Front im Sommer rote Geranien schmücken, dreht sich alles um den Nachwuchs. Mithilfe von drei Säulen stärken und entlasten Ärzte und Therapeuten die kleinen Patienten nachhaltig:

Säule eins: medizinische Betreuung

Ihre körperlichen Erkrankungen schränken die kleinen Patienten im Alltag ein. Deshalb lindern Kinder- und Jugendärzte ihre Symptome auf Grundlage neuster medizinischer Forschung. Asthmatrainer und Diabetes-Berater helfen ihnen, ihre Erkrankung besser zu verstehen. Auch Sport- und Physiotherapeuten betreuen die Kleinen. Sie erwecken mit gezielten Übungen und Sportprogrammen die Freunde an Bewegung und den Spaß am unbeschwerten Toben neu.

Säule zwei: psychologische Betreuung

Damit sie mit ihren eigenen Erkrankungen und der ihrer Mutter im Alltag besser umgehen, unterstützen Psychologen

„Mama hat Krebs“ schenkt Kindern neue Lebensfreude.
„Mama hat Krebs“ schenkt Kindern neue Lebensfreude. (c) www.bayern.by – Jan Greune

die kleinen Gäste. Einzeln oder in der Gruppe sprechen sie darüber, wie sehr sie ihr Alltag belastet und erfahren, dass andere Kinder ähnliche Probleme haben – das entlastet. Bei der Mal-, Musik- oder Lichttherapie schauen sie tief in sich hinein – und verarbeiten künstlerisch und kreativ das, was sie nicht aussprechen können. Bei der Ergotherapie in der Gruppe lernen Sie zum Beispiel, Konflikte zu lösen – und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Säule drei: pädagogische Betreuung

„Du bist bei uns gut aufgehoben – und auch deine Mutter!“, vermitteln Pädagogen den Kindern bei Ausflügen in die idyllische Voralpenlandschaft, beim Malen und in Gesprächsgruppen. Dabei genießen sie ihre Freizeit ganz unbeschwert und werden zum Teil einer Gruppe – eine wichtige Erfahrung für kleine Patienten mit Anknüpfungsschwierigkeiten im Alltag.
Zusätzlich vermittelt ihnen die zur Klink gehörende, staatlich anerkannte Sankt-Gallus-Schule Normalität. In kleinen Klassen unterrichten Lehrer die Kinder in Rechtschreibung, Mathematik – und verbinden so den Klinikalltag mit der Außenwelt.

Mutter und Kind: gemeinsame Therapie für mehr Lebensfreude

„Zusammen sind wir stark!“, diese Grundhaltung vermittelt „Mama hat Krebs“ den Müttern und ihren Kindern. Regelmäßig nimmt die Mutter an den Therapiesitzungen ihres Kindes teil. Das hilft beiden, einander besser zu verstehen und stärkt das Vertrauen. Nach und nach sprechen sie offen über den Krebs – das entlastet.
In Mutter-Kind-Entspannungs- und Sportgruppen genießen sie die gemeinsame Zeit und stärken gleichzeitig ihre Gesundheit. Beim Ponyreiten, einer Schifffahrt auf dem malerischen Bodensee oder einer begleiteten Wanderung lassen sie die Erinnerungen an die anstrengenden vorangegangenen Monate ziehen.
Neue Kraft, neue Lebensfreude, ein neues Miteinander – hier erfahren Sie mehr über die onkologische Kombi-Reha „Mama hat Krebs“!

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Janina Ottma

Janina Ottma

Janina Ottma kommt ursprünglich aus dem Nordwesten Deutschlands, dem Ruhrgebiet. Mittlerweile genießt sie die frische Münchner Luft, die aus den Alpen in die bayerische Landeshauptstadt weht. Bei einem ausgiebigen Spaziergang an der Isar oder beim Yoga kommt sie zur Ruhe. Achtsamkeit und Meditation in ihren eigenen Alltag zu integrieren, ist ihr wichtig. Damit ihre Kreativität weiterhin fließt und sie ihre positiven Erfahrungen rund um das Thema "Kraft tanken" weitergeben kann.

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