25Mai 2020

Mehr Achtsamkeit im Alltag

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Anne Hartmann kennt sich als Diplom-Theologin und Klinik-Seelsorgerin bestens mit Achtsamkeit aus. Anne Hartmann kennt sich als Diplom-Theologin und Klinik-Seelsorgerin bestens mit Achtsamkeit aus. (c) Anne Hartmann, Bad Brückenau

Anne Hartmann, Sie sind Diplom-Theologin und arbeiten als Klinik-Seelsorgerin in der Malteserklinik von Weckbecker im Heilbad Bad Brückenau. Achtsamkeit spielt in Ihrem Beruf und für Sie eine wichtige Rolle. Wir alle kennen inzwischen die physischen Symptome und Problematiken von Corona. Aber was geschieht mit uns psychisch in dieser Zeit?

Die Seele wird natürlich nicht direkt vom Virus befallen. Aber die ganze Situation wirkt sich psychologisch aus. Man kann sagen, sie verstärkt vieles, was vorher schon da war. Wir alle leben jetzt zurückgezogen, hauptsächlich in den eigenen vier Wänden. Vieles, was uns zuvor abgelenkt und zerstreut hat, fällt jetzt weg – der Kontakt mit anderen Menschen, Sport, Freizeitgestaltung. Dadurch werden wir viel stärker mit uns selbst konfrontiert und das verstärkt z.B. bestimmte Ängste – vor Krankheit, vor dem Alleinsein, vor Versorgungsengpässen.

Oft wählen Menschen einen solchen Rückzug doch ganz bewusst, z.B. durch ein Sabbatical. Und da tut er uns ja gut.

Mit bewussten Pausen lässt sich Achtsamkeit in den Alltag integrieren. Mit bewussten Pausen lässt sich Achtsamkeit in den Alltag integrieren. (c) www.gesundes-bayern.de

Ja, weil wir ihn dann selbst gewählt haben. Dieser Corona-Rückzug aber ist nicht selbstbestimmt. Wir werden dazu gezwungen, obwohl wir vermutlich ganz andere Pläne mit diesem Jahr hatten. Wir wollten vielleicht ein Geschäft aufmachen, eine Ausbildung beginnen, durch die Welt reisen. Dass in diesem erzwungenen Rückzug etwas Positives liegen kann, diese Erkenntnis müssen wir uns erst erarbeiten. Es fällt gerade so vieles weg, was früher Alltag war. Stress zum Beispiel. Wir alle haben jetzt mehr Zeit, und das ist etwas Gutes! Da liegen Chancen drinnen. Ich bin zum Beispiel früher immer unter totalem Zeitdruck zu meinem Arbeitsplatz in die Klinik geradelt, wo jede Menge Termine warteten. Die gibt’s gerade nicht. Daher radele ich jetzt langsamer und machen jeden Tag ganz bewusst eine Pause im Stadtpark. Setze mich auf eine Bank und genieße dieses Stück neue Freizeit.

Aber was können wir konkret tun gegen dieses diffuse Gefühl des seelischen Unwohlseins in diesen Corona-Zeiten?

Ein guter Weg ist der Weg der Achtsamkeit. Grundsätzlich bedeutet das, „in jedem Moment präsent zu sein, ohne zu bewerten“. So hat es John Kabat-Zinn formuliert, der amerikanische Begründer der modernen Achtsamkeits-Lehre, nach dem ich auch arbeite. Es bedeutet, dass wir im Kontakt zu uns selbst und zu unserer Umgebung sein sollen, ohne gleich eine Meinung zu dem zu haben, was wir fühlen, sehen, erleben. Dass wir die Momente einfach nur wahrnehmen sollen, wie wir sind. Auf unsere derzeitige Situation umgemünzt, würde das bedeuten, dass wir versuchen sollen, erst einmal in uns hinein zu spüren. Zu gucken, was da eigentlich ist. Ist es Angst oder Wut, Unruhe, Leere oder Depression? Was genau nehme ich wahr, spüre ich es körperlich irgendwo? Wir sollen also nicht gegen diese Gefühle ankämpfen, sondern sie erst einmal erkennen. Um dann zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Einen Gegenstand aus der Natur mit allen Sinnen zu erkunden, trainiert die Achtsamkeit. Einen Gegenstand aus der Natur mit allen Sinnen zu erkunden, trainiert die Achtsamkeit. (c) www.bayern.by – Gert Krautbauer

Durch Achtsamkeitsübungen können wir lernen, auf Abstand zu gehen von unseren Ängsten und Gedanken. Um dann zu erkennen, was uns jetzt guttun würde. Was wir brauchen. Eine ganz einfache Übung ist die, einen beliebigen Gegenstand in die Hand zu nehmen. Gerne etwas aus der Natur, ein Gänseblümchen zum Beispiel. Um dieses Objekt dann mit allen fünf Sinnen ein paar Minuten lang zu erkunden. Wie fühlt es sich an, wie hört es sich an, wenn ich daran reibe, wie riecht es, wie sieht es aus, schmeckt es nach etwas? Diese Übung erdet enorm. Wir sind dabei sehr fokussiert, an etwas interessiert, schaffen einen zweiten Aufmerksamkeitspol zu unseren Ängsten. Ziehen Energie ab von bestimmten Gedanken. Wir haben nämlich stets die Freiheit zu entscheiden, an was wir denken wollen. Das sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Solche Konzentrationsübungen sind oft gar nicht so einfach.

Natürlich gelingt diese volle Konzentration nicht gleich immer. Aber selbst, wenn die Gedanken abschweifen, macht das nichts. Wir holen sie sanft zurück. Es ist wie ein Muskeltraining, da wird man auch erst mit der Zeit besser. Ich empfehle da gleich noch eine weitere Übung: Wir setzen uns bequem hin und sind drei bis fünf Minuten ganz still und ruhig. Richten den Blick auf den Boden oder schließen die Augen. Schon kommen die Gedanken. Wir nehmen sie wahr wie eine Herde von Pferden. Eines nach dem anderen trabt an unserem inneren Auge vorbei. Doch während wir sonst auf die Gedanken aufspringen und sie bis zur Erschöpfung weiter reiten, lassen wir sie diesmal einfach nur an uns vorübergaloppieren. Entwickeln sie nicht weiter, sondern nehmen sie bloß still zur Kenntnis. Auch diese Übung schafft einen Abstand zu unseren Gedanken, Ängsten, Befürchtungen. Zugleich öffnet sie – wie alle Achtsamkeitsübungen – das Eingangstor zu uns selbst.

Was hilft sonst noch?

Gut ist, wenn wir es schaffen, wieder Neugier zu entwickeln. Uns aus der Erstarrung lösen können. Auch da gibt es eine schöne Übung, in der wir einen neuen Blick auf eine Routinehandlung aus unserem Alltag werfen. Das kann etwas ganz Beliebiges sein – das Zubinden der Schuhe, das Aufsperren der Haustür, das Zähneputzen. Die Übung besteht darin, eine Woche lang diese Handlung ganz bewusst zu beobachten. Minutiös, mit allen Sinnen, wie unter dem Mikroskop. Auch das lenkt die Gedanken in eine andere Richtung, weg von den Ängsten, weg von Corona. Es bringt eine neue Qualität in unser Handeln und führt zu besonderer Achtsamkeit.

Manche Menschen leiden durch die lange Isolation zu Hause auch unter Vereinsamung. Was empfehlen Sie da aus dem Achtsamkeits-Repertoire?

Menschen sind ja nicht nur dann für uns wichtig, wenn wir sie real sehen, sprechen, berühren können. Sie spielen ja auch in unserer Vorstellung eine Rolle. Das heißt, wir können sie uns einfach auch vorstellen. Sie uns in Erinnerung rufen. Wie sie aussehen, sich bewegen, ihre Art zu sprechen. Dinge, die wir gemeinsam erlebt haben. Dadurch treten wir bereits in Verbindung mit ihnen, und das ist oft schon ein probates Mittel gegen das Gefühl der Einsamkeit.

Weitere Informationen:

Stress abbauen und bewusst Zeit mit sich verbringen

Natur gegen Stress: Wie Pflanzen beim Entspannen helfen

Waldbaden stärkt Körper, Geist und Seele

Kommentare (2)

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  • Maike Schmauß schrieb am 22.07.2020

    Zwei Kommentare zu dem im übrigen guten und hilfreichen Text 1. Das Wort "Konzentration" klingt nach Anstrengung, Mühe. Ich denke, man sollte es in Verbindung mit Achtsamkeit eher vermeiden. 2. Setz dich "bequem" hin könnte missverstanden werden. Viele verstehen darunter, zurückgelehnt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen dazusitzen. Eine genauer Anleitung, wie man aufrecht, aber entspannt sitzt, wäre hilfreich.

    auf diesen Kommentar antworten
    • Kristina Kuehnl
      Kristina Kuehnl schrieb am 29.07.2020

      Liebe Frau Schmauß, vielen Dank für Ihre Anmerkungen! Wir freuen uns, wenn Ihnen der Text an sich gefällt. Idealerweise sitzen Sie aufrecht mit den Beinen hüftbreit aufgestellt, die Schultern rollen nach hinten (Brustkorb-Öffnung), der Kopf ist gerade. Am Anfang fühlt sich das vielleicht etwas unbequem an, aber der Eindruck täuscht :-): Herzliche Grüße Ihr GESUNDES BAYERN-Team

      auf diesen Kommentar antworten
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