3Jul 2018

Interview: Johanna Fellner über Rückenschmerzen und Stress

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Johanna Fellner ist Fitness-Expertin und Gesundheits-Coach. Sie hält Vorträge zum Thema „Rückenbeschwerden und emotionaler Stress am Arbeitsplatz“ und berät Betriebe dabei, wie ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Unter anderem die Gewinner unseres Rückenübungen-Gewinnspiels, die Firma Synectic Systems GmbH. Im Interview erklärt sie uns, wie wir dem Arbeitsalltag entspannter begegnen.

Immer mehr Arbeitnehmer klagen über Stress.  Arbeiten wir zu viel?

 Johanna Fellner: Es ist nicht unbedingt das Arbeitspensum, das uns Stress macht. Es sind oft der Umgang damit und die Umstände in der Arbeit. Stress entsteht zum Beispiel, wenn wir mit Kollegen nicht gut auskommen. Oder wir setzen uns selber unnötig unter Druck. Und das wirkt sich auch körperlich aus und sorgt für Verspannungen.

Wie wirkt sich das genau aus?

 Fellner: Stress setzt sich in unseren Faszien, im Bindegewebe ab. Durch Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und einseitiges Training zieht sich das Gewebe zusammen. Langfristig verfilzt es, drückt auf Nerven und blockiert Muskeln. Das ist die Ursache für die meisten unspezifischen Rückenbeschwerden.

Ein direkter Zusammenhang zwischen Stress und körperlichen Beschwerden also?

 Fellner: Ja. Es gibt eine Übung, die den Zusammenhang zwischen emotionalem Stress und der Körperhaltung aufzeigt: Sie machen einen Schritt nach vorne, reißen die Arme hoch und sagen „Yeah“. Danach lassen Sie den Kopf und die Schultern hängen und sagen wieder „Yeah“. Das passt vom Gefühl her nicht zusammen. Wenn Sie den ganzen Tag die Schultern hängen lassen, dann wirkt sich das auch auf Ihren emotionalen Zustand aus.

Viele Menschen sitzen am Arbeitsplatz zusammengesunken vor dem Bildschirm. Meinen Sie das?

 Fellner: Ja, zum Beispiel. Dafür gibt es sogar ein eigenes Krankheitsbild: Der „Tech-Neck“. Der Kopf wiegt etwa fünf Kilogramm. Wenn Sie Ihn die ganze Zeit nach vorne ausstrecken, dann baut der Körper vermehrt kollagene Fasern, also Eiweißfasern, im Nacken auf, die wie ein Spanngurt wirken, um den Kopf zu stützen. Das führt zu den typischen Nackenschmerzen.

Was kann man gegen solche Beschwerden machen?

 Fellner: Es gibt viele kleine, einfache Übungen, die Sie am Arbeitsplatz machen können. Die Wirbelsäule besteht aus vielen kleinen Gelenken. Für sie ist Bewegung wichtig. Deswegen sollte man immer wieder die Sitzposition ändern, mal im Stehen telefonieren oder einbeinig kopieren. Sie sollten die Wirbelsäule beugen. Strecken ist ganz wichtig. Oder machen Sie das Fenster  auf und blicken in die Weite, das entspannt die Augen. Gucken Sie nach oben, unten und zur Seite, so weit es geht. Den Kopf nach vorne und hinten verschieben, rotieren und zur Seite neigen. Zusätzlich können Sie vorsichtig mit einem Tennis- oder La Cross Ball die betroffene Stelle vorsichtig ausrollen. Stellen Sie sich dazu mit dem Rücken zur Wand und klemmen den Ball dazwischen. Langsame multidirektionale Bewegungen ausführen circa eine Minute.

Das reicht schon?

 Fellner: Das sind nur Zwischenlösungen. Wer viel sitzt, sollte regelmäßiges und richtiges Rückentraining machen, nicht nur solche Übungen. Dafür bieten sich auch Rückenprogramme an, in denen der Rücken gezielt gestärkt wird.

Was raten Sie gegen emotionalen Stress am Arbeitsplatz?

 Fellner: Beim emotionalen Stress muss man sich bewusst machen, was einen gerade triggert. Welche Situation genau ruft das unangenehme Gefühl hervor? Dabei ist wichtig zu verstehen, dass nicht die Umstände und Personen die Ursache sind, sondern nur der Auslöser und dass Sie selbst etwas für sich tun können, um entspannter, gelassener und cooler zu reagieren und den Stress endgültig zu verabschieden. Wie genau das geht, muss man im individuellen Fall schauen, dafür gibt es keine Pauschallösung, sonst wären wir Coaches ja auch überflüssig. Aber mit gewissen Übungen können Sie zumindest ein Pflaster kleben, indem Sie beispielsweise die Bedeutung einer Situation verändern.

Inwiefern?

 Fellner: Manche Menschen haben beispielsweise Kollegen, bei denen sie sofort auf die Palme gehen, wenn sie sie nur sehen. Sie können aber auch ein anderes Gefühl auslösen wie Enttäuschung oder Druck. Zuerst muss man das Verständnis entwickeln, dass diese Person nur Auslöser, nicht Ursache ist und selbst nur so reagiert und agiert, wie er es im Moment kann. Jeder hat seine eigene Sichtweise. Das hilft dabei, nicht jedes Mal wie auf Knopfdruck zu reagieren, sondern die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Den Blickwinkel der anderen Person?

 Fellner: Ja auch. Also die Vorstellung, wenn Sie jetzt diese Person wären, wie würden Sie denken, was könnte hinter dem Verhalten stecken? Das muss gar nicht der Wahrheit entsprechen, Sie schaffen sich dadurch aber neue Handlungsmöglichkeiten. Dann stellen Sie sich vor, Sie würden die Situation von außen betrachten. Wie wirken die beiden Personen, Sie und der Konfliktpartner, auf Sie?

Sie meinen: Wenn ich mir beim Aufeinandertreffen mit einem vorlauten Kollegen vorstelle, er sei vielleicht nur unsicher?

 Fellner: Ja, so in der Richtung. Am besten überlegen sie sich das aber nicht in der Situation, sondern an einem anderen Zeitpunkt. In der Situation tun sie einfach mal was anderes als sonst. Zum Beispiel den Raum verlassen und fünf Mal tief durchatmen, drei Sekunden ein, sechs Sekunden ausatmen. Oder holen Sie sich Unterstützung: Wenden Sie sich ab und reden Sie einfach mit jemand anderem. Denken Sie an einen Ort in der Natur, an dem sie sich absolut wohl fühlen, malen Sie sich gedanklich dieses Bild aus, vielleicht gibt es eine Musik dazu – diese könnten Sie auch auflegen, das Bild ausdrucken und auf den Schreibtisch stellen. Das kann in leichteren Fällen schon helfen. Wenn sich das aber schon jahrelang eingespielt hat oder man merkt, das schafft man nicht alleine, dann wäre ein Coaching das Richtige. So lassen sich dann das individuelle Thema und die passenden Strategien erarbeiten.

Kommentare (1)

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  • Melanie schrieb am 17.11.2018

    Schmerzen sind oft ein Hilferuf des Geist und der Seele. Wie soll sie sich auch anders ausdrücken als über den Körper? Quälende Rücken-, und Nackenschmerzen sind sehr nervig und beeinträchtigen uns sehr. Je mehr man sich im Laufe des Tages anspannt und gestresst ist, umso mehr verspannen wir unsere Muskeln und Faszien im Rücken- und Nackenbereich. Wir nehmen im schlimmsten Fall noch Schmerzmittel um uns von unseren Schmerzen zu befreien. Doch dies funktioniert leider nur kurzfristig, denn die Ursache wird leider nicht behoben. Eine Pille schafft keine Heilung. Hilf dir selber. Natürliche Hilfe bei Rückenschmerzen – Für Körper, Geist & Seele. https://www.ganzwunderbar.com/natuerliche-hilfe-bei-rueckenschmerzen/ Ganzwunderbare Grüße Melanie

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