30Mai 2017

Interview: Mit Pfarrer Kneipp gegen den Burnout

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In der Psychosomatischen Privatklinik in Bad Grönenbach werden die Patienten mit einem ganz besonderen Therapiekonzept behandelt: Neben der Psychotherapie setzen die Ärzte und Experten auf verschiedene Körpertherapieanwendungen – darunter auch die Kneipp-Kur. Wir haben beim Chefarzt Dr. med. Jochen von Wahlert nachgefragt, wie Kneipp bei der Behandlung von Burnout und Traumata eingesetzt werden kann.

Klinikchef Dr. von Wahlert

Sie setzen in Ihrer Klinik unter anderem die Kneipp-Kur ein, ist das richtig?

Dr. med. Jochen von Wahlert: Ja, als ein Baustein eines gesamtherapeutischen Konzepts lässt sich die Kneipp-Kur sehr gut integrieren. Grundsätzlich hat Sebastian Kneipp in seinem umfassenden Konzept ja nicht nur mit Güssen und Wasseranwendungen behandelt, sondern Themen wie Ernährung, Lebensführung, inneres Gleichgewicht und Naturheilkunde mit integriert.  Bei der psychosomatischen Behandlung geht es vordringlich um die Frage der Selbstreflektion, der Selbstfürsorge und Selbststeuerung: Wie kann ich für die eigene Gesundheit sorgen? Wir komme ich mit Krisen, Problemen, Krankheiten, Verlusten zurecht? Wie sorge ich für seelische Grundbedürfnisse? Für Pfarrer Kneipp war das Thema innere Balance ein zentraler Aspekt seiner Grundsätze, und das ist der Hauptanknüpfungspunkt der psychosomatischen Behandlung.

Nehmen wir als Beispiel einen Burnout-Patienten: Wie setzen sie Kneipp in so einem Fall ein?

von Wahlert: Burnout-Patienten sind in der Regel nicht nur psychisch sondern auch körperlich total erschöpft, kraftlos, antriebslos, fühlen sich schwer, matt und ausgelaugt. Neben den psychischen Therapien wenden wir deswegen auch Körpertherapien an, damit die Lebensgeister wieder erwachen. Die Kneipp‘schen Anwendungen eignen sich dafür sehr gut. Barfuß über eine nasse Wiese laufen, lässt einen den eigenen Körper wieder spüren und die Natur wahrnehmen. Wassertreten im kalten Becken bringt einen oft sehr schnell aus dem Gedankenkarussell. Güsse, Wickel, Massagen oder Bäder, im Grunde alles, was dem Körper dazu verhilft, aus dem Erschöpfungszustand wieder herauszukommen und das Immunsystem zu aktivieren, ist hilfreich.

Können Sie uns ein Fallbeispiel nennen?

von Wahlert: Ein Patient war mal bei uns, der hatte sich in jungen Jahren schon einen großen Handwerksbetrieb aufgebaut und ist dann völlig zusammengebrochen, weil er jahrelang nur funktioniert hat. Bei ihm waren die seelischen und körperlichen Funktionen richtig am Boden. In relativ kurzer Zeit, in zwei bis drei Wochen, war er zwar nicht geheilt aber – unter anderem durch die Kneipp‘schen Anwendungen – zumindest vegetativ und körperlich wieder so weit hergestellt, dass er wieder Lust bekam, Sport zu machen und Hoffnung schöpfen konnte. Allerdings fängt dann oft erst die Auseinandersetzung mit der Psyche an, die es braucht, um zu einem besseren Umgang mit sich selber zu finden.

Wie könnte dieser richtige Umgang bei einem Burnout-Patienten aussehen?

von Wahlert: Die reale Arbeitslast ist nur ein Aspekt der psychischen Belastung. Der Umgang im Team, die Konflikte zu Hause, die Sorgen um die Angehörigen, die Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse und der Ruhezeiten, all das kommt ja hinzu. Ein Teil kommt von innen, von einem selbst. Die Patienten schützen sich oft zu wenig vor den äußeren Anforderungen, aber auch vor den eigenen Ansprüchen und Maßstäben. Vielen fällt es zum Beispiel schwer, „Nein“ zu sagen, wenn Zusatzaufgaben an sie herangetragen werden. Die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und die Fähigkeit, zu sich zu stehen und für sich zu sorgen, aber auch das Bewusstsein der eigenen Stärken und Lebensziele, solche Dinge werden in der Psychotherapie erarbeitet.

Sie behandeln auch posttraumatische Belastungsstörungen.

von Wahlert: Ja, wir behandeln auch Leute, die im Rahmen ihrer Tätigkeit in traumatische Situationen geraten sind. Mitarbeiter von Polizei und Rettungsdiensten, aber auch von internationalen Hilfsorganisationen. Menschen, die viel Leid erleben, werden manchmal dadurch psychisch krank, wir nennen das Sekundärtraumatisierung. Menschen, die in Krisengebieten arbeiten und mit menschlichen Tragödien konfrontiert waren, tragen oft schwer an der Belastung. Viele schützen sich und verschließen ihr Herz. Am Anfang der Behandlung braucht es oft ein wenig Zeit, damit diese Patienten wieder zu sich kommen. Das kann gelingen, wenn sie wieder anfangen, zu fühlen und zu spüren. Auch dafür eignet sich der Zugang über die Kneipp’schen Anwendungen, weil sie so Gelegenheit haben, ihren Körper wieder bewusst wahrzunehmen.

Über ihren Körper bekommen die Patienten also einen Zugang zu ihrer Psyche, könnte man sagen.

von Wahlert: Ja, wir hatten einmal eine Patientin, die hatte in frühen Jahren viel Gewalt erlebt und wurde zur Adoption freigegeben. Sie geriet als Erwachsene dann oft in Zustände, die sie selbst nicht mehr gut steuern konnte. Ihr Gehirn schaltete sich ab von jeglichem Gefühl, sie war gar nicht mehr richtig da. Diesen Zustand nennen wir Dissoziation. Um sie wieder in die Realität zurückzuholen, haben wir ihr geraten, immer dann wenn solche Zustände auftraten, das kalte Wasser der Tretanlage zu nutzen. Diese  Anwendung war sehr wirksam, so dass sie unmittelbar wieder aus diesen schwierigen Zuständen herauskam.

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