13Sep 2018

Interview: Achtsamkeit und Meditation in Bayern

Julia BaakenGesundes Wissen0

In seinem ersten Leben war Guido Sauer Pfarrer. Heute hilft er Menschen dabei, besser mit Stress, Reizüberflutung und chronischen Schmerzen umzugehen. Seine „Zauberwaffe“? Die Achtsamkeit. Wir haben uns mit ihm über sein viertägiges Achtsamkeitstraining im malerischen Bad Brückenau unterhalten – und über das Wunder des Staunens.

Herr Sauer, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für uns nehmen. Warum ist Achtsamkeit aus Ihrer Sicht in aller Munde?
Guido Sauer: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, in der viele Impulse auf uns einprasseln. Da haben viele Menschen das Bedürfnis, bei etwas zu verweilen. Dabei helfen Übungen zur Achtsamkeit. Achtsamkeitstraining verspricht zum Beispiel, dass Patienten besser mit chronischen Schmerzen umgehen können. Auch wo es um Ausbrennen, Erschöpfung oder depressive Verstimmungen geht, ist MBSR – die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion – eine der besten Therapien.

Sie bieten ein viertägiges Programm an, die „Achtsamkeitstage an der Sinn“ in Bad Brückenau. Was lernen die Teilnehmer hier genau?
Guido Sauer: Erst einmal fragen sie sich: ‚Was geschieht eigentlich mit mir – meinem Körper und meiner Psyche –, wenn ich abschweife oder in einer Stimmung feststecke?‘. So nehmen sie nach und nach sich selbst, ihre Gefühle und Gedanken immer achtsamer wahr. Aber sie werden auch aufmerksamer für ihre Umwelt. Schon nach kurzer Zeit achten sie zum Beispiel mehr auf die kleinen Dinge des Alltags: Wie die Bäume im Wind rascheln, wie sich das Wasser beim Duschen oder ein frisch gewaschenes Bettlaken auf der Haut anfühlt.

„Im Hier und Jetzt zu leben“: Kann das jeder lernen?
Guido Sauer: Auf jeden Fall! Dabei helfen verschiedene Achtsamkeitsübungen. Bei einer der bekanntesten nehmen die Teilnehmer zum Beispiel eine Frucht über die fünf Sinne wahr. Sie betasten sie mit Fingerspitzen und Zunge, riechen an ihr, drücken sie um zu horchen, ob sie Töne von sich gibt. Wenn sie diese Frucht dann nach zehn Minuten in den Mund stecken, ist das eine richtige Geschmacksexplosion und ein großer Genuss.

Achtsamkeit: Das steckt hinter dem Begriff

Achtsamkeit praktizieren besonders Anhänger des Buddhismus schon seit Jahrhunderten. Beim Achtsamkeitstraining halten Sie inne und beobachten Ihre Gedanken, Gefühle und Ihren Körper – bewusst, präsent und urteilsfrei. Aus dieser Praxis entwickelte der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (englisch: Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR).

Meditation in Bayern: „Denken Sie an nichts als den nächsten Schritt!

Mit welcher Übung kann ich ausprobieren, ob ein Achtsamkeitstraining etwas für mich ist?
Guido Sauer: Probieren Sie es mit einer ganz einfachen Atemübung: Setzen Sie sich aufrecht hin und schließen Sie die Augen. Nun konzentrieren Sie sich fünf Minuten lang ganz auf Ihren Atemfluss. Sobald Ihre Gedanken abschweifen, lenken Sie sie zurück zu Ihrer Atmung. Ärgern Sie sich nicht, wenn Ihre Aufmerksamkeit nachlässt, sondern bleiben Sie freundlich mit sich selbst.

Wie kann ich Achtsamkeit in meinen Alltag integrieren?
Guido Sauer: Konzentrieren Sie sich zum Beispiel beim Gehen auf Ihre Fußsohlen. Dabei denken Sie an nichts anderes als den nächsten Schritt. Was geschieht dann in Ihrem Körper? Wie funktioniert Ihre Motorik, Ihr Gleichgewichtssinn: Gehen Sie mit festem Schritt oder eher zögerlich? Konzentrieren Sie sich zwei bis drei Minuten lang ganz darauf, was Sie gerade spüren. So nehmen Sie sich selbst besser wahr und trainieren Ihre Sinne.

„Achtsamkeitsübungen finden Sie in allen Religionen“

Sie sind Theologe – welche Rolle spielt Spiritualität bei den „Achtsamkeitstagen an der Sinn“?
Guido Sauer: Wenn wir ganz gegenwärtig sind, gelingt es uns wieder, über Alltägliches zu staunen. So durchleben Sie mithilfe von Meditation und Achtsamkeit vielleicht ganz überraschend eine wunderschöne Erinnerung noch einmal.  Für manche ist das eine spirituelle Erfahrung. Die Achtsamkeit schenkt Ihnen Momente, in denen Sie Geheimnis, Wachwerden und tiefes Mitgefühl erfahren. Sie erleben, dass Sie bei sich selbst ankommen – Sie werden ruhiger, gelassener und finden „Ihre innere Mitte“.
In allen Religionen finden Sie Achtsamkeitsübungen, vor allem im Buddhismus, in der chinesischen Philosophie des Taoismus, im islamischen Sufismus und Christentum. Ich habe hierzu über hundert Texte gesammelt. Sie zeigen, dass Menschen schon im Mittelalter und sogar noch früher Achtsamkeit praktizierten.

Warum ist es so wichtig, den Moment zu genießen?
Guido Sauer: Manchmal müssen wir akzeptieren, dass es uns schlecht geht. Dann ist es gut, wenn wir einfach einmal die kleinen Dinge genießen. Ihr Lieblingsessen, ein angenehmer Geruch – wenn Sie die kleinen Freuden des Alltags bewusst wahrnehmen, steigern Sie Ihre Lebensqualität.

Welchen wichtigen Tipp geben Sie Ihren Gästen gerne mit?
Guido Sauer: Machen Sie sich nicht von der Zeit abhängig. Wenn Sie keine halbe Stunde am Tag für ein Achtsamkeitstraining haben, dann trainieren Sie eben nur zehn oder auch nur drei Minuten. Wichtiger als die Länge ist, dass Sie kontinuierlich üben.

Mit Meditation in Bayern dem Stress langfristig Adieu sagen – das möchten Sie auch? Im Herbst gibt es noch freie Plätze für Guido Sauers „Achtsamkeitstage an der Sinn“.

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Julia Baaken

Julia Baaken

Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Berlinerin Julia Baaken im schönen Münchner Umland. Am liebsten entspannt sich die zweifache Mutter im bayerischen Voralpenland mit seinen herrlichen Wäldern, Seen und Bergen. In der idyllischen Natur findet sie einen Ausgleich zu ihrem oft turbulenten Alltag: Eine Familienwanderung mit anschließendem Bad im See und einer gemütlichen Einkehr im Wirtshaus – das ist für unsere Autorin das pure Glück.

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