11Nov 2018

Diagnose Brustkrebs: Dank mammaLIFE mit beiden Beinen fest im Leben

Janina OttmaGesundes Wissen1

Als Lehrer für achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung (MBSR) begleitet Diplom-Sportwissenschaftler Dr. Florian Wiedemann Brustkrebspatientinnen auf dem Weg zur Genesung. Mit seinem Team hat er das mammaLIFE-Programm entwickelt – eine ganzheitliche Behandlung für an Brustkrebs erkrankte Frauen. Wir sprechen darüber, wie die Kombination von Therapie, Achtsamkeit, gesunder Ernährung und Bewegung Frauen beim Kampf gegen den Krebs unterstützt.

Herr Dr. Wiedemann, schön, dass Sie sich heute Zeit für mich nehmen. mammaLIFE ist ein sogenanntes „ganzheitliches Nachsorge-Konzept“. Was bedeutet „ganzheitlich“ in diesem Fall?

Ein Alt- Tag

Dr. Florian Wiedemann: Brustkrebs ist eine ernsthafte Erkrankung. Sie verändert das gesamte Leben. Viele Erkrankte stellen nach der Diagnose alles infrage: „Wie soll es weitergehen? Ist mein Job für mich der richtige? Welche sozialen Beziehungen tun mir gut? Sollte ich meinen Lebensstil verändern?“ Um sich rundum zufrieden und gesund zu fühlen, wollen diese Fragen beantwortet werden. Dabei hilft mammaLIFE den Frauen.

Meinem Team und mir ist es wichtig, jede Frau als individuelle Person, als Mensch mit eigener Persönlichkeit mit Wünschen, Träumen und ganz persönlichen Zielen wahrzunehmen – nicht bloß als anonyme Krebspatientin. Deshalb finden wir es sehr wichtig, alle Lebensbereiche bei der Behandlung von Krebs mit einzubeziehen und konzentrieren uns nicht ausschließlich auf die physische Gesundheit mithilfe schulmedizinischer Methoden oder Sport als Rehabilitationsmaßnahme. Ein Beispiel: Es gibt Krebssportgruppen, die einige Frauen nach der Primärbehandlung gerne in Anspruch nehmen. Natürlich sind diese Gruppen wichtig und können helfen, wieder beweglich zu werden. Es gehört jedoch viel mehr dazu, um sich rundum gesund zu fühlen – zum Beispiel gesundes Essen, Selbsthilfestrategien für den Alltag, Naturheilkunde … All diese Dinge tun den Frauen gut, die zu uns kommen.

„Um den Krebs zu besiegen, braucht es nicht nur gute Ärzte und Therapeuten. Es braucht starke Frauen.“

Sie sprechen ganz bewusst nicht von „Patientinnen“, oder?

Dr. Wiedemann: Ganz genau. Ich bin der Meinung, dass wir mit unserer Sprache sorgsam umgehen sollten. Alle Wörter und Begriffe, die wir benutzen, sind mit Bedeutungen aufgeladen. Und der Begriff „Patientin“ löst bei vielen defizitorientierte Assoziationen aus: Eine Patientin ist krank, hilfebedürftig, oftmals passiv. Der Begriff reduziert eine Frau auf ihre Erkrankung – genau das wollen wir vermeiden.

Was denken Sie, für wen ist mammaLIFE besonders geeignet?

Dr. Wiedemann: Prinzipiell natürlich für alle an Brustkrebs erkrankten Frauen. Normalerweise machen Frauen eine Reha direkt im Anschluss an die Chemotherapie, Operation oder auch Hormontherapie – kurz gesagt: nach ihrer Primärbehandlung. Damit soll die Leistungsfähigkeit gestärkt werden, damit sie möglichst bald wieder in den Beruf einsteigen können.

Wir haben aber festgestellt, dass es immer mehr Frauen gibt, die keine klassische Reha in einer Klinik machen wollen. Sie wollen nicht den ganzen Tag von Ärzten und dem Geruch nach Desinfektionsmitteln umgeben sein. Eben nicht in einer Einrichtung sein, in der sich alles nur um die Erkrankung dreht. Auf der einen Seite genießen es manche Frauen natürlich, nach der anstrengenden Behandlung stationär untergebracht zu sein – in einem Umfeld, in dem alles durchgeplant ist und in dem sie sich um nichts selbst kümmern müssen. Auf der anderen Seite weiß ich aus meiner Erfahrung, dass der Alltag in der Klinik manchmal auch dazu führt, dass sie sich selbst anders wahrnehmen.

Was bedeutet das, „sich anders wahrnehmen“?

Dr. Wiedemann: Sie fühlen sich krank und als würde etwas „fehlen“. Zusätzlich erleben sie in der Klinik viel Leid. Da ist oft wenig Positives. So entwickeln sie eher einen negativen Blick in die Zukunft. Natürlich ist jede Reha-Klinik unterschiedlich und es gibt sicher ganz tolle Einrichtungen. Aber nicht jede Klinik kann die Wünsche und Bedürfnisse jeder Frau erfüllen. Welche Reha für die betroffenen Frauen die richtige ist, entscheiden natürlich nur sie selbst.

Was unterscheidet mammaLIFE von einer klassischen Krebs-Rehabilitation?

Dr. Wiedemann: Im Gegensatz zur klassischen stationären Reha ist die mammaLIFE-Kur zunächst eine ambulante Vorsorgemaßnahme. Sie verbindet Urlaub mit qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung. Zum Beispiel wählen die Frauen im Kurort Bad Tölz ihre eigene Übernachtungsmöglichkeit. Ob sie sich lieber in einem Hotel rundum verwöhnen lassen oder unabhängig in einer Ferienwohnung sind, bleibt ganz ihnen überlassen. Außerdem setzt mammaLIFE auf einen konsequent nach vorne schauenden, ressourcenorientierten Ansatz.

Welche Ressourcen stärken Sie in der Kur?

Dr. Wiedemann: Wir fokussieren uns nicht nur auf den Tumor, sondern ziehen alle Funktionen des Körpers und der Psyche in Betracht. Eine Ressource ist zum Beispiel die körperliche Leistungsfähigkeit. Die Frauen merken, dass sie sich trotz Krebs noch bewegen können – das ist eine wertvolle Erkenntnis.

Psychische Ressourcen und soziale Unterstützung spielen auch eine große Rolle: Die eine Frau hat eine sehr unterstützende Familie oder einen wunderbaren Freundeskreis. Die andere hat vielleicht eine von Grund auf optimistische Grundhaltung oder viel Kampfgeist. Auf diese Dinge bauen wir auf und stärken sie. Außerdem unterscheiden wir zwischen verschiedenen Dimensionen, die die Frauen zufrieden machen.

Welche sind das?

Dr. Wiedemann: Die eine Dimension ist „Gesundheit“. Durch ihre Krebserkrankung sind die Frauen in dieser Dimension nicht zufrieden. Sie erkennen aber mithilfe von mammaLIFE, dass es neben der körperlichen Gesundheit noch viele weitere Dimensionen gibt, die ihre Zufriedenheit beeinflussen. Das sind unter anderem Job, Familie, Genuss im Alltag, Spiritualität, …

„Wir arbeiten emanzipatorisch!“ 

Gemeinsam mit den Frauen schauen wir, welche individuellen Ressourcen jede von ihnen mitbringt. Anstatt ihnen einen Stempel aufzudrücken und ihnen zu sagen, was sie brauchen, vertreten wir einen emanzipatorischen Ansatz. Wir regen die Frauen dazu an, über folgende Punkte nachzudenken:

  • Was tut mir gut? Was ist mir wichtig?
  • Woraus schöpfe ich Kraft im Alltag?
  • Wie nehme ich mich und meinen Körper wahr?
  • Was brauche ich für meine Genesung?

So finden die Frauen in Einzelsitzungen – gemeinsam mit speziell ausgebildeten Psychoonkologen – oder in Gruppenkursen heraus, wo sie stehen und was sie brauchen. Es geht also nicht darum, jede Frau, die zu uns kommt, mit den gleichen Ressourcen auszustatten, sondern immer individuell zu schauen, was jede einzelne von ihnen mitbringt und braucht.

Warum ist es für Frauen mit der Diagnose Brustkrebs Ihrer Meinung nach besonders wichtig, Achtsamkeit und Yoga zu praktizieren?

Dr. Wiedemann: Studien zeigen, dass Yoga und Achtsamkeit unsere Psyche stärken und zum Beispiel beeinflussen, wie gut wir schlafen. Achtsamkeit hat außerdem etwas damit zu tun, wie wir uns spüren beziehungsweise unseren Körper. Krebspatientinnen haben häufig Schlafstörungen und auch Angst und depressive Symptome spielen bei vielen eine Rolle.

Uns ist es wichtig, dass die Frauen Methoden erlernen, die ihnen helfen, diese Angst zu bewältigen – denn diese wird sie immer wieder im Alltag begleiten, zum Beispiel, wenn die nächste Kontrolluntersuchung ansteht. Auch sollen sie wieder ein positives Körpergefühl entwickeln und lernen, sich auch nach der Kur im Alltag mit einfachen Mitteln zu entspannen. Zu diesen Mitteln gehören auch sogenannte „naturheilkundliche Selbsthilfeverfahren“ wie einfache Kneipp-Anwendungen .

Wie geht es nach der Reha weiter?

Nach mammaLIFE begleiten wir die Frauen für weitere sechs Monate in ihrem Alltag. Denn wir haben schon oft erlebt, dass Menschen während einer Reha zwar viele tolle Impulse bekommen, dann aber Schwierigkeiten haben, das Gelernte im Alltag umzusetzen. Deshalb unterstützen wir die Frauen, die zu uns kommen – unter anderem per App, Coaching-Kalender und Telefonberatung.

Kommentare (1)

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  • Bram schrieb am 23.08.2018

    Ich finde das beschriebene Thema Brustkrebs behandeln sehr wichtig und habe schon viel darüber gelesen. Im Internet habe ich noch eine andere sehr hilfreiche Seite gefunden: https://www.schroecksnadel.at/de-at/leistungen/brustkrebs/

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Janina Ottma

Janina Ottma

Janina Ottma kommt ursprünglich aus dem Nordwesten Deutschlands, dem Ruhrgebiet. Mittlerweile genießt sie die frische Münchner Luft, die aus den Alpen in die bayerische Landeshauptstadt weht. Bei einem ausgiebigen Spaziergang an der Isar oder beim Yoga kommt sie zur Ruhe. Achtsamkeit und Meditation in ihren eigenen Alltag zu integrieren, ist ihr wichtig. Damit ihre Kreativität weiterhin fließt und sie ihre positiven Erfahrungen rund um das Thema "Kraft tanken" weitergeben kann.

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